Was ist Philosophie?
Sie wird grausam personifiziert, muss als Schlachtfeld für Ansichten unterschiedlichster Couleur herhalten und wird nicht selten grundsätzlich in Frage gestellt: Die Philosophie. Aber darf man so etwas wichtigem einfach Handlungen zuschreiben? Ist die Philosophie Schauplatz theoretischer Machtkämpfe? Passiert in den Elfenbeintürmen der Universitäten und Studentenstübchen noch etwas, oder haben sie sich in eine geistige Starre festgefahren?
Sophie fühlt sich missverstanden
Wenn ich als Autor die Personifizierung als Stilmittel benutze, um den Text ein wenig aufzulockern und der armen Philosophie ein wenig frischen Wind ums Haar wehen zu lassen, dann ist dies (trotz meines Schachtelsatz-Wahns) erlaubt. Denn dem Leser das Lesen zu erleichtern, kann nur erwünscht sein.
Ganz anders hingegen sieht es aus, wenn Metaphern zur Hilfe genommen werden, um Gedankengebäude zu errichten, innerhalb derer dann agiert werden soll. Philosophen – ob sie es nun bewusst taten oder nicht – haben sich seit jeher in einer Tätigkeit geübt: Sie haben neue Metaphoriken geschaffen. Ganze Metaphernkonzepte und Systeme hoben sie aus den Tiefen des Unverstandenen und zogen sie aus den dunklen Wäldern des Mystischen auf die Lichtung des Anschaubaren.
Ich will damit sagen, dass Philosophen Dinge greifbar gemacht haben, die vorher nicht begriffen werden konnten. Und das mithilfe von Metaphern und Metaphernkonzepten1. Das bedeutet freilich, dass sie nicht die Wirklichkeit oder Realität erfasst – sondern einen Zugang zu ihr erschaffen haben.
In diesem Zusammenhang ergibt sich m. E. die Gefahr, dass die Sicht auf die Philosophie eingeschränkt wird. Und zwar genau dann, wenn die Personifizierung der Philosophie gebraucht wird, um Sinnzusammenhänge darzustellen. Ginge es um Schmuck und Verbesserung der Lesbarkeit, wäre diese Gefahr nicht gegeben, da bei dieser Form der Personifizierung keine Zusammenhänge erklärt werden (sollten).
Das heißt, wenn es um Nicht-Trivialitäten geht: Die Philosophie will nichts, tat nie etwas und wird auch nie etwas tun, was sie zur Person macht2.
Gestalt der Philosophie
Vermutlich wird Philosophie mit dem Begriff Geisteswissenschaft betrachtet und damit den restlichen Wissenschaften hierarchisch gleichgestellt. Zunächst halte ich eine Hierarchisierung für fehl-intendiert. Betrachtet man die Vorgänge – Entwicklung von Gedanken, Theorien und Methoden – so zeigt sich, dass es eine stetige Wechselwirkung zwischen der Philosophie und den restlichen Wissenschaften gibt. Da die Philosophie den Geist zum Gegenstand hat, ist sie Teil jeder Wissenschaft. Sie steht damit nicht über den anderen Wissenschaften, sondern jeweils davor und dahinter gleichermaßen.
Philosophie ist ein Prozess. Und Philosophieren ist ein Prozessieren. Wird das Philosophieren thematisch, so entstehen bspw. die Philosophie der Mathematik, Psychologie, Physik etc. Gehen die Wissenschaftler an die (Konsens-)Grenzen ihres Fachgebietes und werden philosophisch (im Gegensatz zu spekulativ!), dann perturbieren sie gleichermaßen die Philosophie ihrer Wissenschaft, als auch ihre Wissenschaft selbst. Das kann auch bis in die Philosophie und ihre anderen Bereiche wirken.
Der Prozess aus dem Wissenschaften entstehen, sich entwickeln und durch den Wissenschaften absterben, ist also Philosophie3. Gleichermaßen ist die Wissenschaft vom Philosophieren, (verwirrender-weise) selbst auch Philosophie genannt, betroffen. Die Philosophie als Wissenschaft kümmert sich um die Aspekte des Geistes. Die Philosophie als Prozess ist Genese von Wissenschaft.
1 Ich verwende den Begriff "Metapher" in dem speziellen Sinn von Lakoff u. Johnson, wie sie ihn in ihrem Werk "Leben in Metaphern – Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildern" ausführlich erörtern.
2 Abstrahiert bedeutet dies: Sobald Metaphern im Spiel sind, leidet die Abstrahiertheit – und damit die Gültigkeit. Der Leser und Nach-Denker wird in ein Gedankenkorsett gezwungen. Das verbaut ihm die Möglichkeit eigene Rhizome zu spinnen und wirkt damit der Funktion der Philosophie entgegen.
3 Natürlich darf hier das Forschen nicht vergessen werden. Ich blende es nur deshalb aus, weil es an dieser Stelle nicht Gegenstand der Betrachtung sein soll.
Kommentare gern auch an: mar SPAMSPERRE tin_weitzmann [at] web [dot] de - natürlich ohne spamsperre ^^
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