Dienstag, 11. November 2008

Alumni, Kontext, Algorithmen ...

Am vergangenen Wochenende war was los! Freitag morgens gegen 5:15 Uhr mit dem ICE in Richtung Nord-Osten. Die Oberlausitz rief und ich bin ihrem Ruf gefolgt ...

Es war die 7. Alumnitagung der Kommunikationspsychologen in Görlitz. Ich war auf drei Vorträgen, von denen der erste fundiert, interessant und leise gehalten wurde. Der zweite war dafür etwas lauter, unterhaltsamer und ziemlich spiritualistisch. Jedenfalls empfand ich es so - man wird nicht jeden Tag zum LSD-Konsum aufgefordert!

Der dritte war sehr praxisbezogen, klar vorgetragen und für Herzinfarkt-Patienten geeignet. Nein, er war nicht langweilig - aber furchtbar spannend war es auch nicht für mich. Ich möchte mich für heute dem ersten Vortrag widmen. Es wird um Gedanken gehen, die nicht viel mit dem Vortrag selbst zu tun haben, aber davon inspiriert sind.

Dr. Wolfgang Dzida, ein auf mich sehr sympathisch wirkender Mann, wickelte sein Görlitz-Debüt um die Frage, ob Menschen in Zukunft Benutzer oder Bediener von Interaktions-Maschinen sind.

Dabei kam ein für mich fruchtbares Zitat zutage: »Interaction is more powerful than algorithm« von Peter Wegner. Die Interaktion (Benutzer) ist mächtiger, als Algorithmen (Bediener) es sind. Dzida drückte es so aus: »Algorithmen sind dumm.« Aber warum eigentlich?

An dieser Stelle schweife ich ab: Natürlich weil den Algorithmen der Kontext fehlt - Mathematische Konstrukte befinden sich immer in einer Semiotik1 ohne Pragmatik. Denn der Interaktionsgedanke ist nicht implementiert. Das ermöglicht eine hohe Abstraktionsstufe! Nichts scheint allgemeiner oder abstrakter zu sein, als die Mathematik. Aber verwischt an dieser Stelle nicht der Unterschied zwischen Pragmatik und Syntaktik+Semantik?

Je allgemeiner etwas wird, desto unmöglicher ist es in einen speziellen Kontext zu sehen - es sei denn man setzt es in einen Kontext. Allerdings ist eine wertfreie Betrachtung von allem was ist – und aus der man den Beobachter subtrahiert – kontextfrei. Denn nur ein Beobachter bildet einen Kontext mithilfe des Beobachtens.

Kontextfrei ist beobachterfrei ist pragmatikfrei. Allerdings ist es auch Sender-frei und damit unsemiotisch. Oder eben alles in einem: Pragmatisch und semantisch+syntaktisch.
Algorithmen sind also apragmatisch, weil sie auf einen Kontext abzielen – aber nicht sicher sein können, diesen zu treffen. Allerdings sind abstraktere (mathematische) Algorithmen quasi kontextfrei, aber immernoch Interaktionslos und isoliert, sofern sie nicht alles was ist beschreiben. Also ein Algorithmus, der nicht die Pragmatik selbst mitbeschreibt (FSM möge es verhüten) ist apragmatisch. Nur aus einem entscheidend anderem Grund.
Eine Semiotik, die nicht den Beobachter berücksichtigt, ist also wertlos, weil sinnfrei (Sinn entsteht durch Beobachter).

Die Semiotik für Programmiersprachen braucht sich darum freilich nicht kümmern, aber bei natürlichen Sprachen, Massenmedien und Kommunikation zwischen Menschen oder in sozialen Systemen wird es spannend! Es gilt das Primat der Pragmatik.

1 Semiotik ist die Lehre der Zeichen. Klassischerweise werden 3 Unterkategorien gebildet: Syntaktik, Semantik und Pragmatik. Syntaktik = Regeln der Zeichen untereinander. Semantik = Bedeutungslehre und Pragmatik = Wirkung der Zeichen beim Empfänger. Kritisch hinterfragt wird dieser Ansatz u. A. von Deleuze und Guattari.


Kommentare gern auch an: mar SPAMSPERRE tin_weitzmann [at] web [dot] de - natürlich ohne spamsperre ^^

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