Sonntag, 23. November 2008

Entitätizität und der Blick auf die Welt

Bei der Betrachtung der Welt fällt auf, wie sehr alles gegliedert ist und Ordnungen aufweist. Ein Jedes scheint mit dem Anderen in Zusammenhang und Relation zu stehen – während die Frage nach der Entitätizität offenbar kaum jemand stellt. Jedenfalls fällt mir gerade nur Kants zweiter Widerstreit in den Antinomien ein. Eigentlich sollte man bei den Phänomenologen was finden – aber diese verrückten Idealisten nehmen ihre Subjekthaftigkeit ein bisschen zu ernst für meinen Geschmack. Bei Heidegger bekommt man das nackte Grauen, will man über Realität oder die Dinge an sich nachdenken. Mir bleibt die Hoffnung, dass der neurologische Hype bei heutigen Denkern de-idealisierend interveniert.
Vielleicht hört dann auch der letzte Hegel-Kultkreis auf, dessen Philosophie als evolvierten Kant zu betrachten und schiebt ihn in die Ecke des Nett-aber-nicht-notwendig.
Kants Antinomien der reinen Vernunft jedenfalls scheinen ein fruchtbareres Gut zu sein: Sie zeigen die auf, dass Gedanken (Virtualität) die Welt (Realität) überdispositionell darstellen können. Ins unendlich Kleine und ins unendlich Große. Völlig egal ob es Raum an sich überhaupt gibt. Alles ist möglich – auch rosa Elefanten in der Luft. Oder Götter. Natürlich auch Bäume: Aber betrachten wir doch mal einen Baum, der (intersubjektiv übereinstimmend) als real existent gekennzeichnet werden kann, physikalisch.
Mesokosmisch sind da ein Kern, Jahresringe, eine Rinde usw. Mikrokosmisch finden sich Zellen, Moleküle, Atome usf. Subatomar wird es, jedenfalls derzeit, schon spekulativer: Hier finden sich Theorien zu Aufbau und Gestalt. Aber keine klare Anschauung. Die Mathematik – unser apragmatischer Freund der Stunde – wird in seinem Spekulativmodus – der Statistik – herangezogen, um Dinge beschreibbar zu machen. Die Grenze des Baumes – da wo Schluss ist – wird jedoch, gleichsam fraktal, schwammig.
Aus der gewohnt anthropozentrischen Sicht jedoch gibt es nur den Mesokosmos und einen mesomorphen Mikrokosmos.1 Wenn sich die Grenze aber in mikrokosmischen Dimensionen auflöst, wie real sind dann Entitäten überhaupt?
Phänomenologisch betrachtet sind sie sehr real. Aber Phänomenologie kommt aus den Gedanken (Virtualität) kaum heraus. So auch Bischof (2008) S. 962:
Der Fokus metaphysischer Verdichtung liegt für den Realismus auf dem Objekt.
Für den Idealismus hingegen ist kennzeichnend, dass sich das Gewicht der beiden Informationensquellen Sensorik und inneres »Vorwissen« auf das Letztere umzentriert. Er argumentiert aus der Perspektive des Subjekts. Daher entgeht ihm der Unterschied zwischen dem externen Objekt und der von diesem an den Sinnesorganen eintreffenden Botschaft.
Begreifen wir die Entität als ein in Grenzen Seiendes. Konzentrieren wir uns nicht auf die Frage was wirklich ist, sondern was uns die Wahrnehmung mitteilt; Oder viel besser: was wir der Wahr-nehmung entnehmen. Da Menschen eine bestimmte Umwelt wahrzunehmen haben, um ihr Überleben zu sichern, ist die Frage: Was nehmen wir überhaupt wahr? Und: was davon entnehmen wir zur Reflexion im Bewusstsein?
Wenn es keine Grenzen im Realen gibt und sie nur erscheinen, ist es doch im Zuge der Mesomorphisierung möglich, dass im Mikro- und Makrokosmos – vor allem in Theoriebildungen – Grenzen gefunden werden, wo keine sind. So wie Luhmann den Menschen nicht als das kleinste Teil der Gesellschaft sieht, sondern Kommunikation. So wie Kant feststellt, dass der Raum ins Unendliche geteilt werden kann. Entitäten sind kein Seiendes, sondern Funktionen.
Unendlichkeit ist kein Ding, sondern ein Prozess. Eine Funktion. Entitäten sind doppelt rein virtuell. Einmal durch die Wahrnehmung. Und ein zweites Mal durch die Reflexion. Oder im Psychologiejargon: Das Objekt wird doppelt repräsentiert: Einmal wird es angetroffen (Wahrnehmung) und einmal vergegenwärtigt, d. h. die Repräsentation wird repräsentiert (Bischof 2008, S. 88).
Wenn in beiden Fällen entität-isiert wird, bedeutet das wissen­schafts­theoretisch, dass hier Reflexionsbedarf besteht. Besonders für Phänomenologen.
Genau genommen wird ein Dekonstruktion notwendig: Die Dekonstruktion des Menschen aus seiner Beobachtung heraus. Zunächst muss die Beobachtung berücksichtigt werden, um dann unter Zuhilfenahme der Intersubjektivität und/oder der De-entitätisierung dekonstruiert zu werden. Der Beobachter wird in seiner Beobachtung aufgelöst.
Das Ergebnis ist keineswegs die Realität, aber es ist ein besserer Ausschnitt, als das gefärbte Abbild im Beobachter-Welt-Denken – oder noch schlimmer: des Alltagsdenkens, bei dem der Beobachter noch gar nicht berücksichtigt ist.
1 Natürlich gibt es auch noch den Makrokosmos, aber der scheint bis dato ebenso mesomorph beschrieben zu sein – mal von soziologischen Theorien, wie der von Luhmann, abgesehen.
2 Psychologie. Ein Grundkurs für Anspruchsvolle. Stuttgart: Kohlhammer.

Kommentare gern auch an: mar SPAMSPERRE tin_weitzmann [at] web [dot] de - natürlich ohne spamsperre ^^

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